Nani

Katharina Widmer

 

Ist im Jahre 1928 gebohren und heute stolze Urgrossmutter. Sie lebt heute im Altersheim Salem im Kanton Glarus, wo sie aufgewachsen ist. Umringt von den Freunden und Verwandten ihrer Kindheit ist sie in bester Gesellschaft.

Jörg

Hallo Nani. Wir sprechen heute miteinander, um die Vergangenheit unserer Bäckerei ein wenig zu beleuchten. Da du ja persönlich von Anfang an dabei gewesen bist, kannst du sicher genau Auskunft geben.

Nani

Sali Jörg. Ja, das werde ich wohl können. Also, angefangen hat es wohl damit, dass ich deinen Grossvater, Hermann Widmer, kennenlernte. Wir waren damals in der Region Zürcher Unterland um Dielsdorf herum und haben am selben Ort, in der Bäckerei Bollini, gearbeitet.

Jörg

Was habt ihr dann gemacht?

Nani

Hermann suchte nach einer Möglichkeit, selbstständig zu arbeiten. Wir suchten nach passenden Stellen in der Bäckerzeitung und fanden eine Geeignete. Bedingung dieser Stelle war, das der Bewerber verheiratet war. Deshalb haben wir geheiratet um die Stelle antreten zu können.

Jörg

Dann war das eine Zweckheirat?

Nani

Jein, wir hatten schon vorher zueinander ja gesagt, aber noch keinen Zeitpunkt gewählt. Da war dies ein guter Grund. In dieser Konsumbäckerei hatte Hermann eine Anstellung als Bäcker-Konditor und produzierte für den Konsum (heute würde man vielleicht Volg sagen). Langsam stieg die Nachfrage, immer grössere Mengen wurden verlangt. Mit der Zeit wurde so viel bestellt, dass er es alleine einfach nicht mehr hinbekam. Das lag vielleicht am, in meinen Augen, guten Brot. Da half ich ihm. Zuerst ein paar Stunden, dann immer mehr, bis ich dann die ganze Nacht mithalf. Lohn gab es aber trotzdem nur für Hermann, 700.- Fr. im Monat.

Jörg

Das klingt heute nach sehr wenig, aber damals kostete das Kilo Brot noch 56 Rappen. Heute sind wir bei 4.80 Fr. War das viel für damals?

Nani

700.- Fr. waren auch damals für zwei Personen sehr bescheiden. Man konnte leben, aber viel blieb nicht. Nach drei Jahren hat Hermann den Verwalter der Genossenschaftsbäckerei darauf angesprochen, dass ich auch die ganze Nacht arbeite und ich doch auch Anrecht auf Lohn hatte. Doch er sagte, die Stelle sei für eine Person ausgeschrieben gewesen - und damit basta.

Jörg

Dann hast du drei Jahre ohne Lohn gearbeitet, und nicht einmal gefragt, ob es dir vergütet wird?

Nani

Zur Stellenanforderung gehörte, dass der Bewerber verheiratet war. Wir haben geheiratet, und dann hat Hermann die Stelle angetreten. Es war klar, dass die Ehe als Bedingung für die Stelle aufgeführt war, weil von der Ehefrau Hilfe erwartet wurde, wenn es mal zuviel war.

Jörg

Ja schon, aber wenn du Vollzeit arbeitest, ist doch irgendwo die Grenze zwischen ,helfen‘ und richtig arbeiten.

Nani

Wir hatten von Anfang an das Ziel, selbstständig zu werden. Daher fassten wir es auch eher als Vorbereitung für das, was wir uns vornahmen, auf. Es hat uns gut getan, denn wir haben zusammen gearbeitet und lernten so, miteinander umzugehen. Im Rückblick haben wir zwar nicht viel Geld bekommen, aber die Erfahrung nützte uns mehr als alles Geld, das wir hätten haben können. Nun, nach etwa dreieinhalb Jahren sagte Hermann zu mir, dass wir, wenn ich sowieso schon Vollzeit mitarbeite, den Betrieb genausogut selber führen könnten. Und ich meinte: Ja, von mir aus gerne. Von da an suchten wir in der Bäckerzeitung einen Betrieb zum Übernehmen und wurden 1951 in Langwies fündig.

Jörg

Ich habe mich des Öfteren gefragt, warum ihr damals nicht gleich nach Arosa gezogen seid. Warum zwei Dörfer vorher? Ich hätte dann nicht mit dem Zug in die Oberstufe nach Arosa fahren müssen.

Nani

Arosa ist für uns keine Option gewesen. Schon weil es, soweit ich wusste, nichts gab zum Übernehmen. Aber auch weil Arosa zu gross war für eine Zwei-Personen-Bäckerei, und auch weil es zu der Zeit in Arosa drei Bäckereien gab: Weber, Simmen, Hunkeler, Budmiger (im heutigen Hotel Obersee) und Confiserie Iseponi (im heutigen Kursaal). Wir hatten keinerlei Erfahrung in Personalführung. Und wir hatten kein Kapital. Unsere Hände waren leer, aber bereit zu arbeiten. Ohne Kapital hätten wir in Arosa nicht anfangen können. In Langwies konnten wir auch nur übernehmen, weil drei Personen für uns bürgten. Wir sahen Langwies zuerst auch nur als Möglichkeit, Erfahrungen mit Geschäftsführung zu sammeln. Dass wir dann doch geblieben sind, war im Wesentlichen erst im Nachhinein klar, als wir Möglichkeiten sahen, uns dort zu verbessern, auch zu vergrössern und uns im Ort zu engagieren.

Jörg

Was sollte man sich darunter vorstellen?

Nani

Zum Beispiel hatten wir damals lange Zeit das einzige Motorfahrzeug in Langwies, einen Jeep. Sonst wurde alles noch mit Pferd und Wagen transportiert. Die Strassen waren nicht geteert, und wir hatten keine Tunnel, sondern die Strassen gingen aussen herum. Du kannst dir vorstellen, dass uns viele Leute fragten, ob wir dieses oder jenes transportieren könnten. So haben wir etwa zehn Jahre lang jeden Arbeitstag die Post vom Bahnhof ins Dorf hochgebracht oder Feriengäste in ihre Ferienhäuser auf den Alpen oder im Sommer die Milch von den Alpen zum Bahnhof gebracht. Auch neben dem Brotverteilen gab es also viel zu tun. Hermann fand Gefallen am Umgang mit der einfachen Bevölkerung und den vielen Einsätzen ausserhalb des Betriebs.

Jörg

Wie war denn das, bevor ihr gekommen seid?

Nani

Gegründet wurde die Bäckerei durch eine Frau, Jakobine hat sie geheissen, im Haus vis à vis des heutigen Dorfladens. Der erste Nachfolger war eine Familie Brunner, welche nach 23 Jahren das Geschäft an Familie Caviezel übergab. Aus gesundheitlichen Gründen musste Herr Caviezel nach fünf Jahren den Beruf aufgeben und verkaufte uns den Betrieb. Den Jeep haben wir mit der Bäckerei übernommen.

Jörg

Was passierte alles bei der Übernahme?

Nani

Eigentlich das Standardprozedere, Vertrag, Grundbuchamt, Einführung in den Betrieb, Erklärung der Lieferungen, der Rezepte und anderes. Also war es ganz normal. Vom 1. April 1951 an gehörte die Bäckerei uns.

Jörg

Wie haben euch die Leute aufgenommen?

Nani

Hermanns Geselligkeit, unsere einfache Lebensweise und das gute Brot aus dem Holzofen ebneten uns den Weg zum Vertrauen und der Anerkennung. Wir gaben uns Mühe, den Bedürfnissen aller Leute nachzukommen, zum Beispiel hatten wir den Laden von morgens 06:00 bis abends 21:30 offen, weil das Leben als Bauer auf den Alpen sehr unregelmässig ist. Auch war in diesen Jahren Langwies ein recht beliebtes Feriendorf für erholungsuchende Gäste in der schönen Bergwelt. Sie schätzten die feinen Backwaren und freuten sich auch deswegen besonders auf ihre Urlaubszeit. Auch schätzen viele die nahtlose Weiterführung der nebenbetrieblichen Leistungen.

Jörg

Also euren Service der nicht mit Bäckerei zu tun hatte. Was habt ihr denn ausser Transporten sonst noch gemacht?

Nani

Am Anfang war es einfach einmal das, später kamen noch weitere Sachen hinzu. Uns wurden viele Ämter angeboten in Vereinen und Genossenschaften, aber auch die Schneeräumung im Winter kam hinzu, wieder weil wir das einzige Motorfahrzeug hatten.

Jörg

Gut, und was habt ihr produziert?

Nani

Direkt nach der Übernahme Kilobrote lang und rund, keine Pfünder (½ kg). Dafür Schilt, Hefenussgipfel und Schnecken. Samstags auch Weggli, Zöpfe, Pittà und Patisserie, davon aber nur wenig; ohne Kühlschrank waren diese nicht lange haltbar. Natürlich auch Birnbrote, Linzertorten, Fladen, Heferinge, Maccaronen, Totenbeinli, Kokosmakarönli, Palmblätter, Meringues. Zu Weihnachten machten wir auch Konfekt. Nach drei bis vier Jahren wagten wir uns auch an Glace und Pralinés.

Jörg

Der Zweite Weltkrieg lag ja gerade einmal sechs Jahre zurück, habt ihr das gemerkt?

Nani

Langsam kam das Wirtschaftswachstum durch den Wiederaufbau auch bei uns an. Die Talstrasse wurde ausgebaut, verbreitert und geteert. Der Ausbau der Schanfiggerstrasse sicherte uns etliche Jahre einen guten Brotabsatz. Zuerst wegen der vielen Arbeiter, die ja auch alle essen wollten. Danach kam natürlich auch der Tourismus in Schwung, worauf überall eine rege Bautätigkeit herrschte. Auch errichteten wir 1955 den Neubau der Bäckerei im Dorfzentrum von Langwies.

Jörg

Hattet ihr Konkurrenz?

Nani

Im Nachbardorf Peist gab es einen Bäcker, E.Wernli und recht bald seinen Nachfolger, M.Räz, der Peist und auch einen Teil von Langwies belieferte. Es war keine eigentliche Konkurrenz, sondern es war ein Leben und Lebenlassen. Aber kurz darauf übergab dieser an Familie Hosang. Diese schlossen die Bäckerei 1971. Ueli und Angelina Heim kauften das Haus und eröffneteten dort den Dorfladen Peist. Sie bezogen sofort das Brot von uns und belieferten anfänglich Molinis und Pagig. Im Hotel Bahnhof gegenüber unserer Bäckerei wurde Brot von der Bäckerei Simmen in Arosa verkauft. Wir kümmerten uns wenig drum. Wir hatten auch ein gutes Verhältnis mit der Bäckerei Weber in Arosa. Diese hat für uns die Lieferung übernommen, damit wir in die Ferien fahren konnten; und einmal, als wir den Holzofen stilllegen mussten um ihn zu sanieren.

Jörg

Wenn ich an die Brottour meines Vaters denke: Wir beliefern heute ausser Maladers alle Dörfer des Schanfiggs. Hat sich das schon damals so ergeben?

Nani

Nein, es war ein Prozess. St.Peter und Pagig wurden schon von Anfang an zweimal wöchentlich beliefert. Im ersten Jahr sogar mit Pferd und Schlitten, weil es niemand gab, der Schnee räumte. Dann kamen Castiel, Lüen und Calfreisen hinzu. Das fädelte Hans Schmid ein, der in mehreren Dörfern aufgewachsen war und deshalb die Leute aus allen Dörfern kannte. Er war im Winter Skilehrer, und im Sommer war er Chauffeur bei uns. Als 1977 Hansruedi in den Betrieb kam und zu arbeiten anfing, übergab uns Ueli Heim auch die Tour nach Molinis, die er zu der Zeit noch von Peist aus machte.

Jörg

Und das ergab die Brottour, die wir heute noch machen. Seid ihr auch über das Tal hinausgekommen mit euren Produkten?

Nani

Ja, wir schickten sogar bis nach Amerika, hauptsächlich das Birnbrot. Am Anfang waren es nur Feriengäste, die fragten, ob sie unsere Produkte nach Hause geschickt haben könnten, um die Zeit zu überbrücken, bis sie wieder kamen. Wir machten dann auch etwas Werbung in Form von Inseraten und Prospekten. Einen Schub gab uns die Internationale Fachmesse 1968 in Basel, bei der wir Silber für das Birnbrot und Bronze für die Pittà gewannen. Mit der Zeit brach der Versand aber ein wegen der Erhöhung der Porto- und Verpackungspreise, denn das Schicken selbst kostete nun mehr als der Inhalt.

Jörg

Danke viel mal für das Gespräch.

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